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Nachhaltiges Reisen ist in aller Munde. Es kursieren massenhaft Tipps, Artikel oder Blogeinträge „10 Tipps für nachhaltiges Reisen“ – es wäre so schön, wenn wir unser Reiseverhalten mit 10 einfachen Tipps auf nachhaltig switchen könnten.

Die Welt ist einfach zu schön, um sie zu verpassen

Kannst du nicht genug von schönen Natur- und Landschaftsbildern bekommen?
Hier gibt’s mehr davon.

Für mich ist das Thema nachhaltiges Reisen ein sehr zweischneidiges Schwert. Ich liebe es unterwegs zu sein. Sobald ich in der Natur bin, steigen enorme Glücksgefühle in mir auf. Ich mag das Ungewohnte, Neue, Abenteuerliche. Aber ich weiß auch wie zerbrechlich unsere Natur ist und dass wir gerade alles tun, um sie zu zerstören. Ich habe viel darüber gelernt, was unserer Welt schadet und wie man sich richtig verhalten sollte und doch treffe auch ich Konsumentscheidungen, die weiter dazu beitragen diese zerbrechliche Schönheit unserer Erde zu zerstören. Während meiner Doktorarbeit habe ich mich viel mit psychologischen Interventionstechniken auseinandergesetzt. Es stellte sich heraus, dass fast jeder versucht mit Wissenszuwachs eine Verhaltensänderung zu bewirken. Das jedoch, funktioniert am wenigsten.

Vom Wissen zum Wandel?

Wissenszuwachs ist erstmal per se nichts Schlechtes. Ich selbst habe bei den Listeneinträgen noch etwas gelernt, was mir nicht klar war. Zum Beispiel, dass man Batterien besser nicht im Ausland wegschmeißen sollte, da wir in den Europäischen Ländern oder auch in den USA zumeist viel bessere Recyclingsysteme haben. Das ist etwas, was ich in Zukunft beherzigen kann, um nachhaltiger unterwegs zu sein. Sowas wird Handlungswissen genannt und ist sinnvoll, da es aktiv dazu beiträgt neue Verhaltensweisen kennenzulernen.

Abfall in Mexiko mitten in der Natur
Abfall in Mexiko mitten in der Natur

Zu wissen, dass unser Verhalten Probleme auf der Welt verursacht ist an sich auch gut und wichtig. Jetzt wäre doch eigentlich alles easy: Wir finden raus, welches Verhalten unsere Erde zerstört, dann geben wir Tipps, was man anders und besser machen kann und voilà die Welt ist gerettet. Doch das funktioniert leider nicht, denn du und ich – wir sind Meister darin uns selbst auszutricksen. Nachfolgend erkläre ich dir in 10 Gründen warum Informationen über Umweltprobleme und Tipps zum nachhaltigen Reisen, alleine nicht ausreichen, um die Welt zu verändern.

1. So viele Umweltprobleme, das ist mir alles viel zu viel

Oft werden wir mit Informationen über Umweltprobleme nur so überschüttet und das hat einige Tücken. Nach meinem Studium des Nachhaltigen Wirtschaftens hatte ich das Gefühl, dass die Welt sowieso untergehen wird, weil bereits so viel schiefläuft, was wir nicht mehr retten können. Zusätzlich bleiben die großen und wichtigen Veränderungen Richtung Nachhaltigkeit aus. Die meisten stellen nach solchen Hiobsbotschaften die Ohren auf Durchzug, setzen die Scheuklappen auf und machen weiter wie zuvor. Es sind mittlerweile einfach mehr Umweltprobleme vorhanden als wir in unseren Köpfen verarbeiten können. Um nicht in eine Schockstarre zu fallen oder uns komplett handlungsohnmächtig zu fühlen, ist das der schlauste Mechanismus, den der Körper sich hätte ausdenken können. Nur blöd für die Problemerzähler und für die Umwelt.

2. Ich setze erstmal die leichten Dinge um

Jeder kennt das Phänomen vermutlich: Man hat eine Liste mit Dingen, die man ändern könnte, liest sie sich durch und denkt sich dann, „joa, das könnte ich umsetzen und das auch“. Jedoch gibt es dabei einen psychologischen Effekt, wonach man sich lieber leichter umzusetzende gegenüber schwierigen Maßnahmen aussucht. Leider haben die leichten nachhaltigen Reisetipps, oft sehr viel weniger positive Auswirkungen auf die Umwelt und das Klima als die schwierigeren.

Man entlastet also primär nur das schlechte Gewissen, wenn man für den 10-tägigen Trip von Europa nach Mexiko etwas weniger Gepäck einpackt, den Reiseführer „umweltschonend“ auf dem Handy hat (ob das wirklich umweltschonender ist, wie es oft heißt, erkläre ich bald in einem weiteren Artikel) und die leeren Batterien zu Hause entsorgt.

die alpen von oben

Das Umweltschädlichste ist jedoch bei Weitem der Flug. So verbraucht allein der Hin- und Rückflug fast das 3-fache des klimaverträglichen Jahresbudgets an Co2-Emissionen.

Würdest du durch dieses Wissen auf das Flugzeug verzichten wollen? Ich gebe ehrlich zu, dass mir das sehr schwer fällt. Woran liegt das? Wir haben oft mehrere sich widersprechende Ziele und Werte in uns. Wir wollen maximale Erlebnisse bei minimaler Zeit und Kosten.

3. Manchmal sind aber auch einfach die anderen „Schuld“

Wie oft höre ich, dass man ja gerne länger wegfliegen würde, wenn man nur länger Urlaub bekommen würde. Der Zeitmangel oder die Illusion des Zeitmangels ist auch eines der größten Probleme. Wie wirkungsvoll ist es dann, den Menschen mitzuteilen, dass sie doch beim Reisen auf andere Verkehrsmittel umsteigen sollten oder zumindest länger Urlaub machen sollen. Ich persönlich habe es in meiner Angestelltenzeit so gehandhabt, dass ich von meinem Jahresurlaub von 6 Wochen Urlaub, 4 Wochen für eine Fernreise genutzt habe, wie z.B von Europa nach Indien oder Mexiko zu fliegen. Das ist jedoch für viele nicht umsetzbar und aus Umweltsicht dürfte ich so einen Urlaub auch nur alle 10 Jahre machen und müsste die restliche Zeit wie ein Inder leben, um mein klimaverträgliches Jahresbudget nicht zu übersteigen.

Indische Häuser in Mumbai
Leben wie die Inder?

Das klingt für mich nicht umsetzbar. Es zeigt aber auch wie weit wir ganz allgemein von einem nachhaltigen, umweltverträglichen Lebensstil entfernt sind.

Obwohl wir als Deutsche bereits etwa das 3-fache des klimafreundlichen Jahresbudgets nutzen, verbraucht der Flug schon fast genauso viel wie das Leben von Januar bis September in Deutschland. Es kann also nur um Schadensbegrenzung gehen, wenn du das Flugzeug nutzen möchtest.

Nur 2,3 Tonnen CO2 dürften wir eigentlich pro Jahr verbrauchen. Das haut bei unserem Lebensstil aber von vorne bis hinten nicht hin.

Zumindest etwas Schadensbegrenzung würden Direktflüge bringen, da das meiste CO2 bei Abflug und Landung verbraucht wird. Jedoch konkurrieren Fluggesellschaften untereinander und versuchen sich die Passagiere gegenseitig wegzuschnappen. Dadurch sind Flüge zum Beispiel mit der deutschen Airline Lufthansa zumeist von ausländischen Flughäfen günstiger. Dadurch passieren dann so Kuriositäten wie, dass man von Frankfurt nach Mailand fliegt, um dort nur wenige Stunden später in einen Zubringerflug von Lufthansa zurück nach Frankfurt zu steigen, der einen dann von Frankfurt nach Mexiko bringt. Lässt man den Zubringerflug verfallen, verfällt das ganze Ticket. Diese konträren Anreize schreien geradezu nach nicht nachhaltigem Verhalten.

Ebenso verhalten sich die ganzen Meilenbonusprogramme der Airlines, bei denen man am Ende des Jahres versucht durch Last Minute Flüge seine Statusmeilen nicht zu verlieren oder auch die Billigangebote der Airlines. Es ist so doch ganz schön hart nachhaltig unterwegs zu sein. Denn wer kann schon darauf verzichten für 2 bis 10 € mal eben ein Wochenende in Mailand zu verbringen? Die Masse nimmt diese Verlockungen gerne an.

4. Tief in unserem Inneren sind uns die anderen nicht so wichtig

In unserer Welt hängt alles mit allem zusammen. Bereits Edward Lorenz sagte in den 70ern:

Schmetterling auf einer Blume

„Schon der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien kann in Texas einen Orkan auslösen.“


Edward Lorenz

Wir haben jedoch nur eine begrenzte Wahrnehmung. Dadurch fokussieren wir uns eher auf die aktuellen Bedürfnisse und Risiken unseres Umfeldes. In den westlichen Ländern spüren wir die Auswirkungen des Klimawandels im Alltag ja kaum. Warum sollten wir dann auf Reisen oder den Kauf anderer toller Dinge verzichten? Heißt es nicht in der Werbung sogar, dass wir immer glücklicher werden, je mehr wir besitzen? Dadurch ist es leicht, bereits aktuelle Probleme in anderen Ländern so zu verdrängen, dass wir getrost weiter konsumieren können. Wer denkt schon daran, dass der eigene Kauf einer Reisedrohne dreckige Flüsse in China oder versinkende Inseln im Pazifik mit beeinflusst?

Lasst uns diesen Gedanken also schnell wieder verdrängen. Haben wir nicht den Nutzen, die Erholung und das Abenteuer von dem Trip nach Mexiko heute schon?

Maya Ruinen von Palenque im Dschungel von Mexiko
Die alten Maya Ruinen im Dschungel – Wer würde sie nicht gerne erleben

Und die meisten Umweltprobleme müssen wir alle sowieso erst in der Zukunft tragen. Wen interessiert das heute schon? Außerdem ist mein Nutzen des nicht nachhaltigen Reisens sowieso viel größer als der Teil des Schadens, den ich später mal zu tragen habe.

5. Den Klimawandel gibt’s doch gar nicht

Vor allem unsere amerikanischen Freund*innen haben viele Ideologien, die einen der klimaschädlichsten Lebensstile der Welt rechtfertigen. Wer hat nicht schon Leute sagen hören: „Der Markt wird es in Ordnung bringen!“ Diese Menschen glauben an die Macht des lieben neoliberalen Marktes, besser bekannt als Kapitalismus. Er wird schon alles regeln, so dass das eigene Verhalten nicht verändert werden muss. Natürlich liegt die Verantwortung bei jemand anderem!

Was ist mit „Bald kommt das elektrische Flugzeug und dann geht es uns allen gut!“ Ja, natürlich haben Technologien immer alles besser und umweltfreundlicher gemacht. Zum Beispiel Autos. Sie sind jetzt viel effizienter als in den 90er Jahren. Aber weißt du was? Wir fahren viel mehr. „Aber Energie ist jetzt viel effizienter!“ Ja, die Technologie hat alles viel besser gemacht, aber jetzt verbrauchen wir viel mehr Strom als vorher und außerdem leben wir in größeren Häusern. Insgesamt gibts für unsere Emissionen nur eine Richtung und zwar hoch, hoch, hoch. Und jetzt denken wir noch einmal an das elektrische Flugzeug…..

Ein weiteres tolles Argument ist „Klimawandel? Den gibt es nicht!
Die Erde hat sich ja schon immer erwärmt und Tiere sind auch schon immer ausgestorben. „
Ohne Probleme lebt es sich wahrlich am besten.

Manche glauben tief an Gott und dass er es schon in Ordnung bringen wird und andere möchten ihren bequemen Lebensstil, den sie sich so hart erarbeitet haben, einfach nicht aufgeben.
Und wer von den „anderen“ bist du?

6. Irgendwie ist mir das alles zu unsicher

Da steht dann im Internet man solle doch lieber Biohotels nutzen, sich ein Elektroauto als Mietauto ausleihen oder seinen CO2 Ausstoß ausgleichen. Alles Fremde ist aber erstmal suspekt: „Funktioniert auch alles so wie ich es will und wie gesagt wird?“ „Was ist, wenn mitten in der Pampa der Strom für das Auto alle ist?“ „Kommt mein Geld überhaupt bei den richtigen Leuten an?“ „Die Bettler kaufen sich doch mit meinem Geld bestimmt nur Alkohol“, „Fahrradfahren ist doch viel gefährlicher als Autofahren“. Es gibt so viele potenzielle Risiken, funktionale, monetäre, zeitliche, physische, da ist es doch viel leichter das Altbewährte und Gewohnte zu behalten. Je älter man wird, desto weniger offen ist man tendenziell auch für das Ausprobieren von neuem Verhalten.

7. Das habe ich schon immer so gemacht

Es wurde vielfach herausgefunden, dass der größte Prädiktor für zukünftiges Verhalten vergangenes Verhalten ist. Oder anders gesagt: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Und das betrifft uns leider alle. Je öfter wir nicht nachhaltig Reisen, desto schwieriger ist es das zu ändern. Es wird zu einem unbewussten Teil von uns und wir fangen gar nicht mehr an unser Verhalten in Frage zu stellen.

8. Ich verhalte mich schon im Alltag umweltbewusst, da will ich mir zumindest hier mal was gönnen

Wusstest du, dass in Deutschland die Umweltparteien vor allem von den Menschen gewählt werden, die sich am umweltschädlichsten verhalten? Klingt paradox, aber es gibt einen psychologischen Effekt, der das erklärt: Der Rebound-Effekt. Es gibt viele Facetten des Rebounds. Einer davon ist, dass man das Gefühl hat bereits soviel Gutes getan zu haben – man ist ja das ganze Jahr mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren und man kauft auch Bioprodukte – dass da ein Langstreckenflug schonmal drin ist. In der Regel leben ärmere Menschen am umweltschonendsten, weil sie sich Vieles einfach nicht leisten können – insbesondere Flüge in andere (exotische) Länder. Oft ist ihnen die Umwelt dabei total egal.

9. Warum soll ich aufhören zu fliegen, wenn es doch alle anderen auch machen?

Ja, das ist ein schwieriges Thema: Der Verzicht selbst und der Glaube ausgeschlossen zu sein, wenn man auf etwas verzichtet. Das Grundproblem ist erstmal, dass zum Beispiel das Fliegen oder der All Inclusive Urlaub als Begehrlichkeit gesehen werden. Insbesondere unsere junge Generation liebt die Freiheit, die wir durch das Reisen in entfernte Länder erfahren können. Warum sollte man also selbst auf das Fliegen verzichten, wenn es doch alle sowieso machen und viele sogar öfter als ich? Warum ist denn fliegen so begehrlich? Klar, es gibt die offensichtlichen Kriterien wie die Zeitersparnis bei Langstreckenflügen, aber auch innerhalb von Europa oder teilweise sogar Deutschland fliegen wir, obwohl es nicht viel kürzer ist. Wie sieht es da bei dir aus? Hast du es schon mal gemacht? Ich bin auf jeden Fall schuldig was innereuropäische Flüge angeht – auch wenn ich mit der Zeit immer besser geworden bin.

Amsterdam bei Nacht
Fliegen innerhalb Europa, um Amsterdam bei Nacht zu sehen?

Eines der größten Probleme ist, dass es die gesellschaftliche Norm widerspiegelt. Es wird einfach geflogen, die meisten machen das so und es wird von der Masse der Gesellschaft auch nicht kritisiert. Ich war schon bei großen europäischen Klimaevents, bei denen die meisten Leute hingeflogen sind. Es kann sogar vorkommen, dass man schief angeguckt wird, wenn man Freunden und Bekannten mitteilt, dass man nun auf das Flugzeug verzichten will. Es waren tatsächlich viele überrascht als ich erzählte, dass ich auf nachhaltigem Wege mit dem Zug von einem Klimaevent in Südspanien zurück nach Deutschland fahren werde.

All das bewirkt sozialen Druck. Es ist wirklich schwierig sich alleine und mit einem vollen „Ja“ gegen diese Normen zu stellen und kein Verzichts- oder Mangelgefühl dabei zu haben.

10. Von diesen Listen habe ich noch nie gehört

Wer liest diese Listen eigentlich? Ich musste schon „nachhaltige Reisetipps“ eingeben und bin dann teilweise von einer Seite zur nächsten gekommen. Genau da steckt das Grundproblem, es finden nur die Leute, die sich für so etwas interessieren und die vor allem oft bereits viele der Dinge berücksichtigen (meistens bis auf den Verzicht des Fliegens).

Hm … und jetzt?

Erscheint dir hiernach auch alles ausweglos und du möchtest wie in 1 einfach nur den Kopf in den Sand stecken? Erscheint es jetzt erstmal so als wäre dein tiefstes inneres Selbst und die Gesellschaft gegen dich und gegen die anderen? Mir erging es nicht anders nach zwei Jahren Studium.

Wissen ist eben nicht alles und manchmal sogar hinderlich.

Der Mensch wäre jedoch nicht ein Mensch, würde er nicht mit Erfindungsreichtum Lösungen finden. Die Umweltpsychologie hat eine Reihe von Tipps und Tricks parat, die uns dabei unterstützen uns auszutricksen. Im nächsten Artikel geht’s los. Lasst sie uns gemeinsam entdecken und umsetzen.

Ist es dir auch schon mal so ergangen? Hattest du schon mal Schuldgefühle beim Reisen? Was ist für dich am Schwierigsten, wenn es darum geht nachhaltig zu reisen? Schreibt mir auch gerne in die Kommentare ganz unten auf der Seite was neu für dich war.


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