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Ich fahre einfach los und schaue, was passiert.
Kein Training, kein fester Plan, keine vorgebuchten Unterkünfte. Was daraus wurde: Radreisen durch Europa, Schottland, Spanien und den Balkan – und eine Welt, die viel mehr Türen geöffnet hat, als ich je erwartet hätte.
Wie es anfing
Ich hatte keine Ahnung, wie Radreisen geht. Ich fuhr trotzdem.
Das Rad kam einen Tag vor Abfahrt. Der Anhänger am Abend davor. Die Schlösser mit der Post – zehn Minuten bevor ich losfuhr. Einen Etappenplan hatte ich nicht. Kein Training. Ein Freund hatte mir vorher gesagt, ich müsse trainieren. Ich verstand nicht warum. Radfahren war nie der Zweck – es war das Mittel, um die Welt zu erleben.
Am ersten Tag war die Straße gesperrt, das Rad eierte durch die Überladung, und ich kam zwei Stunden zu spät zu einem Interview-Termin. Abends waren beide Akkus leer. Mein Vater wohnte zwanzig Kilometer weiter – er war sowieso die erste geplante Station auf der Route. Ich rief ihn an, schlief eine Nacht, und fuhr am nächsten Morgen allein weiter. Es war das einzige Mal.
Das war kein Scheitern. Ich hatte nie einen Plan, der scheitern konnte. Ich hatte nur ein Versprechen.
Drei Monate davor war meine Mutter an Krebs gestorben. Als Zuri kurz danach die Diagnose bekam – inoperabler Gehirntumor, maximal ein Jahr – dachte ich: Es kann nicht wahr sein, dass das jetzt noch einmal passiert, dass ich das nächste Lebewesen, das mir nahe steht, verlieren werde.
Irgendwann redete ich mit Zuri, so wie man mit jemandem spricht, dem man alles sagen kann: Wenn du durchhältst, bis ich mit meiner Doktorarbeit fertig bin, dann fahren wir zusammen los. Sie hielt durch. Sechs Jahre länger als erwartet.
In ihren letzten Wochen konnte ich sie nur noch mit der Spritze füttern. Drei Wochen lang. Eine Tierärztin sagte mir, einen Hund, den man nicht mehr alleine füttern kann, den muss man einschläfern lassen. Ich fuhr nach Hause – und plötzlich fraß Zuri. Erst das Katzenfutter der Katze, direkt vom Tisch. Dann Pizza. Dann habe ich ihr eine gemacht, weil sie Pizza geliebt hatte – sie hat den Teller leer geputzt. Ich dachte, ich sehe nicht richtig.
Wir stellten Stühle und Leitern vor das Katzenfutter – einen richtigen Hindernisparcours. Zuri kämpfte sich durch, bis sie es hatte. Wir dachten schon, die Katze wird verhungern.
Davor hatte ich ihre Schmerzmittel abgesetzt, weil sie sie ausspuckte und dabei immer matter wurde. Ich habe zu ihr gesagt: Zuri, ich vertraue dir. Wenn du die nicht essen willst, dann kriegst du sie auch nicht mehr. Ohne Medikamente kehrte sie zurück zu ihrer blühenden Lebendigkeit.
Ein Tierarzt sagte mir am Ende, er habe noch nie einen Hund so kämpfen sehen. Ich glaube, er hat das falsch verstanden. Sie hat nicht gekämpft. Sie hat bis zuletzt ausgekostet.
Man weiß nie, wie lange das Leben dauert. Also verbring es mit dem, was dir Freude macht.
An einem Berg in der Schweiz – 32 Prozent Steigung, über 100 Kilogramm Gespann auf losem Untergrund – sprach ich einfach weiter ins Mikrofon: „Was machen die hier mit uns? Ich glaube echt, ich breche zusammen. Fuck.“ Dann: „Zuri, mach was.“
Oben angekommen: „Ich habe es geschafft. Ich kann es kaum glauben. Krass.“
Am letzten Morgen bin ich aufgewacht und habe ihr in die Augen gesehen. Ich wusste sofort: Heute ist der Tag. Es war, als ob Zuri mir sagte: Okay, du bist jetzt in guten Händen. Ich kann jetzt gehen.
Ohne sie gäbe es kein einziges Video. Keine Reise. Nichts von dem, was hier steht.

Was ich lernte
Ich dachte, ich bin ein Mensch, der schlecht mit Fremden kann.
Kontakt mit fremden Menschen strengt mich an. Ich bin kein Smalltalk-Mensch. Wenn ich unterwegs auf andere traf, schickte ich oft zuerst Zuri vor – und hoffte, dass die Eisbrecher-Arbeit sich irgendwie von selbst erledigt.
Das erste Mal, dass ich von mir aus auf eine Fremde zugegangen bin, war in Slowenien. Ich sah Veronika, 86 Jahre alt, an ihrem Haus – und irgendetwas in mir sagte: Frag sie. Ich habe danach darüber gesprochen: „Das war das allererste Mal, dass ich jemand gefragt habe. Normal bin ich da echt zu schüchtern für. Ich verstehe noch nicht, wie das einfach passiert ist. Ich hatte einfach so ein Bock auf einmal. Es war noch nicht mal ein Musgefühl – sondern einfach: ich habe Lust, die gerade zu fragen.“
Veronika schloss ihr Wochenendhaus an den Klippen auf, damit ich nicht draußen schlafen musste. Am nächsten Morgen kam sie zurück, brachte Kekse und trank Kaffee mit mir – in gebrochenem Schuldeutsch, das sie seit siebzig Jahren nicht mehr benutzt hatte.
Am Iseosee in Italien durfte ich bei Anna-Maria und ihrem Mann im Garten schlafen. Sie weckte mich morgens mit frischen Himbeeren. Beim Abschied drehte sich die Situation um: „Anna-Maria und ihr Mann bedankten sich vielmals bei mir, dass ich sie besucht habe und ihnen so eine tolle Zeit geschenkt hatte. Ich war verblüfft… ich war es doch, die bei ihnen schlafen durfte. Das scheint eines der Geheimnisse des langsamen Reisens zu sein.“
Und das war nicht nur 2019. Meine größte Angst vor der Schottlandreise 2020 war: Was passiert mit der Gastfreundschaft, wenn die Welt gerade Abstand hält? Das Gegenteil passierte. „Die Menschen waren super freundlich, sehr, sehr gastfreundschaftlich.“ Jede einzelne Nacht habe ich bei jemandem anderen schlafen können – in Privathäusern, in Pubs, bei einem älteren Mann in Aberdeen, der mich über Instagram eingeladen hatte, obwohl seine erwachsenen Kinder ihn davor gewarnt hatten. Mitten in der Pandemie.
Das Schweigen vor dem Kontakt – das war keine Persönlichkeit. Das war ein Bild von mir, das mir über Jahre eingeredet worden war. Verletzlichkeit zuzulassen ist keine Schwäche. Es ist der einzige Weg, wie echte Verbindung entsteht.
Ich fühle mich zum ersten Mal IN der Welt.
Ehrlich gesagt
Vertrauen heißt für mich nicht, Warnsignale zu ignorieren.
In Gacko, Bosnien, fand ich im Dunkeln kein einziges hundefreundliches Hotel. Meine Akkus waren leer. Ich nahm das Angebot eines Fremden an, bei ihm zu übernachten – und bereute die Entscheidung fast sofort.
Die ganze Nacht lag ich in voller Montur in meinem Schlafsack. Ich hatte das KO-Spray griffbereit. Der Mann stellte unangenehme Fragen. Die Situation fühlte sich falsch an. Die Nacht endete ohne Vorfall – aber ich war nicht naiv gewesen. Ich war in Not gewesen. Das ist ein Unterschied.
Ich erzähle das, weil es wichtig ist. Wer sagt, die Welt sei immer gut und alles füge sich von selbst, lügt. Was ich sagen kann: „In jeder brenzligen Situation war jemand da. Es war irgendwie richtig krass. Ich wusste, ich kann mich irgendwie auf die Welt verlassen.“ Das ist meine ehrliche Bilanz nach vielen tausend Radkilometern und etlichen Jahren.
Ich habe gelernt, den Unterschied zu spüren zwischen erlernter Angst vor dem Unbekannten und echter Intuition, die sagt: Hier stimmt etwas nicht. Das ist keine Fähigkeit, die man einmal hat. Sie entwickelt sich unterwegs – durch hunderte Begegnungen, durch gute Erfahrungen und durch schwierige. Genau deshalb begleite ich Menschen, anstatt sie einfach loszuschicken.
Vertrauen und Wachheit schließen sich nicht aus. Eines ohne das andere ist entweder Naivität oder Angst.
Wer hier schreibt und begleitet
Iris Joschko
Ich habe in Umweltpsychologie promoviert und nachhaltiges Wirtschaften studiert. Bevor ich das erste Mal auf einem bepackten Reiserad saß, hatte ich zwei Jahre lang kein Fahrrad mehr angefasst. Ich bin keine Athletin. Ich fahre E-Bike.
Seit 2019 bin ich per Rad durch Europa, Schottland, England, Wales und Spanien gefahren – bisher über 13.000 Kilometer. Dazu kommen Wanderreisen nach Georgien, Patagonien und auf den Balkan, die ich auf dem YouTube-Kanal Earth the Beauty dokumentiere.
Zuri starb im Oktober 2022. Sie wurde sieben Jahre alt – sechs davon mit dem Tumor. Jede Reise seitdem trägt sie mit.
Das Angebot hier – die Abenteuerbegleitung – bezieht sich auf Radreisen. Auf das Fahren ohne vorgebuchten Plan, auf tägliche Entscheidungen, auf Begegnungen am Straßenrand. Das ist die Art zu reisen, die mich verändert hat. Und die ich weitergeben kann.
Wohin willst du schon immer?
Erzähl mir von deinem Traum. Wir schauen gemeinsam, ob daraus eine individuelle Abenteuerbegleitung werden kann.

